Warum nicht alle Tiere gleich erfinderisch sind
Eine neue Studie in Current Biology zeigt, wie Partnerwahl Vielfalt im Verhalten erhält
Die Auswertung der linearen Modelle zeigt außerdem: Im kontrollierten Experiment hängt die Partnerwahl der Weibchen davon ab, wie gut Weibchen und Männchen Probleme lösen können. Dabei gilt: Innovative Weibchen (grün) wählen eher nicht-innovative Männchen – und nicht-innovative Weibchen wählen eher innovative Männchen.
Nur bei den innovativen Weibchen (grün) spielte außerdem das Gewicht des Männchens eine Rolle für die Wahl. Bei den nicht-innovativen Weibchen (orange) war das Gewicht dagegen unwichtig dafür, wie viel Zeit sie potenziellen Partnern widmeten.
Auf den Punkt:
- Unterschiedliche Weibchen treffen unterschiedliche Entscheidungen: Je nach eigener Problemlösefähigkeit bevorzugen Weibchen andere Männchen.
- Ungleiche Paare sind kein Zufall: In naturnahen Populationen entstehen solche Paarungen häufiger, als es bei zufälliger Partnerwahl zu erwarten wäre.
- Erfindergeist hat seinen Preis: Männchen, die besonders gut neue Lösungen finden, sind im Schnitt leichter und weniger körperlich durchsetzungsstark.
Warum sind manche Tiere besonders einfallsreich, während andere selbst einfache neue Aufgaben meiden? Diese Frage beschäftigt die Verhaltens- und Evolutionsbiologie seit Jahrzehnten. Eine neue Studie von Forschenden am Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie, jetzt veröffentlicht in der Fachzeitschrift Current Biology, liefert darauf eine überzeugende Antwort – und zeigt, warum solche Unterschiede in einer Population nicht verschwinden.
In der Studie untersuchten die Forschenden Hausmäuse über einen Zeitraum von sechs Monaten in naturnahen Gehegen. Die Tiere konnten freiwillig verschiedene Aufgaben lösen, um an Futter zu gelangen. Nur ein Teil der Mäuse nutzte diese Möglichkeiten regelmäßig. Mithilfe genetischer Analysen wurde anschließend nachvollzogen, welche Tiere sich erfolgreich verpaart hatten. Der Vergleich mit einem Zufallsmodell ergab ein klares Ergebnis: Paare aus erfinderischen und weniger erfinderischen Tieren kamen deutlich häufiger vor, als man erwarten würde.
Um die Ursachen dafür zu verstehen, ging das Team einen Schritt weiter. In standardisierten Partnerwahltests konnten Weibchen zwischen zwei Männchen wählen – einem erfinderischen und einem weniger erfinderischen. Die Ergebnisse dieser Versuche erklären das Muster aus den Gehegen überraschend gut: Erfinderische Weibchen bevorzugten eher kräftige Männchen, auch wenn diese selbst nicht besonders gut im Problemlösen waren. Weniger erfinderische Weibchen entschieden sich dagegen häufiger für Männchen, die neue Aufgaben besonders geschickt lösten, unabhängig von deren Körpergröße.
Die Studie zeigt zudem, dass diese Entscheidungen nicht zufällig sind. Männchen, die häufig neue Lösungen fanden, waren im Durchschnitt leichter, während schwerere Männchen Vorteile in direkten Auseinandersetzungen haben. Erfindergeist und körperliche Stärke lassen sich offenbar nicht beliebig kombinieren. Genau dieses Zusammenspiel aus Partnerwahl und körperlichen Grenzen sorgt dafür, dass unterschiedliche Verhaltensweisen nebeneinander bestehen bleiben.
Die Autorinnen und Autoren machen damit deutlich, wie wichtig es ist, bei der Partnerwahl beide Seiten zu betrachten. Wer nur fragt, ob erfinderische Männchen attraktiver sind, übersieht den entscheidenden Punkt: Welche Eigenschaften attraktiv sind, hängt davon ab, wer auswählt. Diese Einsicht hilft, widersprüchliche Ergebnisse früherer Studien einzuordnen – und eröffnet neue Perspektiven auf die Rolle von Verhalten in der Evolution.
Die vollständige Studie liefert detaillierte Daten, Abbildungen und statistische Auswertungen aus sowohl naturnahen Populationen als auch kontrollierten Experimenten und richtet sich an alle, die verstehen möchten, wie Verhalten, Partnerwahl und Evolution zusammenwirken.
