Mauereidechsen im Rampenlicht
National Geographic und The Guardian berichten über Forschungsergebnisse aus der Lise-Meitner-Forschungsgruppe von Nathalie Feiner
Auf den Punkt
- Europäisches Forschungsnetzwerk: Gemeinsam mit einem europäischen Netzwerk von Kollaborationspartnern untersucht Nathalie Feiner mit ihrer Gruppe die evolutionäre Diversifizierung mediterraner Mauereidechsen.
- Internationale Aufmerksamkeit: Aktuelle Erkenntnisse des Teams haben internationale Medien auf die Forschung aufmerksam gemacht.
- Biodiversität innerhalb von Arten: Die Beiträge zeigen, wie wichtig Vielfalt innerhalb einzelner Arten ist – und wie stark diese Vielfalt durch eingeschleppte Schlangen bedroht sein kann.
Der Mittelmeerraum ist die Heimat von 28 verschiedenen Mauereidechsenarten der Gattung Podarcis. Ihre außergewöhnliche Vielfalt fasziniert Naturforscherinnen und Naturforscher seit mehr als einem Jahrhundert, sorgt aber gleichzeitig für Verwunderung. Bei manchen Organismengruppen, etwa bei Vögeln, lassen sich Individuen meist eindeutig einer Art zuordnen. Mediterrane Mauereidechsen entziehen sich solchen klaren Kategorien jedoch häufig. Der Grund: Die Unterschiede innerhalb einer einzelnen Art können so groß sein, dass sie die Unterschiede zwischen verschiedenen Arten überlagern.
Diese schillernde Vielfalt war lange eine Herausforderung für die Taxonomie. Für die Evolutionsforschung aber ist sie ein Glücksfall. Gemeinsam mit einem europäischen Netzwerk von Kollaborationspartnern, insbesondere mit dem langjährigen Partner Tobias Uller von der Universität Lund in Schweden, möchte die Gruppe von Nathalie Feiner verstehen, was Mauereidechsen zu derart wandlungsfähigen Organismen macht. Die Forschung verbindet Feldarbeit zur geografischen Verbreitung von Variation mit genomischen und entwicklungsbiologischen Analysen. Ziel ist es, die Mechanismen zu entschlüsseln, die hinter der Evolution der auffälligen Farbmustern auf dem Rücken der Eidechsen stehen.
The Guardian berichtete kürzlich über Erkenntnisse aus mehr als einem Jahrzehnt Forschung an der Gemeinen Mauereidechse, Podarcis muralis, die im Fachjournal Science veröffentlicht wurden. Bei dieser Art existieren drei alternative Färbungen der Bauchseite – bekannt als weiße, gelbe und orangefarbene Morphen – seit Millionen von Jahren nebeneinander. Erhalten wird dieses Gleichgewicht durch ein Zusammenspiel ökologischer und sozialer Faktoren.
Dieses Gleichgewicht scheint jedoch durch das Auftreten eines neuen Phänotyps gestört worden zu sein: „Nigriventris“. Dieser entstand vor langer Zeit in der Nähe des heutigen Rom und hat sich seither entlang der Küsten der Toskana und Liguriens ausgebreitet. Tiere mit diesem neuen Phänotyp zeichnen sich durch kräftige Köpfe mit markanten Kiefern, eine tiefschwarze Grundfärbung, fluoreszierend blaue Flecken an den Flanken und leuchtend grüne Zeichnungen auf dem Rücken aus. Ihr auffälliges Erscheinungsbild brachte ihnen den Spitznamen „Hulk Echse“ ein.
Männchen mit dem nigriventris-Phänotyp setzen sich gegenüber Männchen mit dem ursprünglichen Phänotyp durch und treiben so die geografische Ausbreitung dieser neuen Form voran.
Die besonders bemerkenswerte Beobachtung des Teams: Überall dort, wo der neue Eidechsentyp auftritt, bricht das Drei-Morphen-System zusammen – und nur noch eine einzige Bauchfärbung setzt sich durch. Dieses Ergebnis ist überraschend, denn es lässt sich nicht durch eine genetische Unverträglichkeit zwischen dem neuen Phänotyp und den bestehenden Morphen erklären.
Stattdessen scheint die neue Form jene ökologischen und sozialen Wechselwirkungen zu verändern, die das Gleichgewicht der drei Morphen über Millionen von Jahren stabil gehalten hatten.
Wie The Guardian hervorhebt, liefern Gemeine Mauereidechsen damit ein anschauliches Beispiel für eine oft unterschätzte Dimension der Biodiversität: Vielfalt innerhalb von Arten. Nathalie Feiner bringt es auf den Punkt: „Ohne solche Variation käme Evolution zum Stillstand – und die Fähigkeit zur Anpassung ginge verloren.“
Eine starke Anpassungsfähigkeit braucht derzeit besonders die Ibiza-Mauereidechse, Podarcis pityusensis. Wie ein aktueller Beitrag in National Geographic beschreibt, sind diese einzigartigen Inselendemiten akut durch eine Schlangeninvasion bedroht. Vor rund 20 Jahren wurden versehentlich einige Exemplare der Hufeisennatter auf Ibiza eingeschleppt. Inzwischen hat sich die Art dort etabliert und breitet sich rasch aus. Wo dieser effiziente Prädator auftaucht, verschwinden die Mauereidechsen. Die Entwicklung verläuft schnell: Die einst auf der Hauptinsel weit verbreitete Ibiza-Mauereidechse ist dort inzwischen in weiten Teilen ausgerottet.
„Wir erleben das Auslöschen des Lebens einer Art – und nicht nur einer Art, sondern wahrscheinlich eines der eindrucksvollsten Beispiele farblicher Biodiversität auf der Erde“, sagt Roberto García-Roa, Evolutionsbiologe und Fotograf an der Universität Valencia in Spanien, der ebenfalls zu den Eidechsen forscht. Ein großer Teil dieser außergewöhnlichen Vielfalt findet sich nicht auf Ibiza selbst, sondern auf kleinen vorgelagerten Inselchen. Mindestens 40 dieser Inselchen beherbergen Populationen von Podarcis pityusensis, von denen viele einzigartige Farbmuster zeigen, die nirgendwo sonst vorkommen. Zu verstehen, welche evolutionären Prozesse dieses Mosaik der Variation hervorgebracht haben, ist ein zentraler Forschungsschwerpunkt der Gruppe von Nathalie Feiner.
Dass ein Großteil dieser einzigartigen Variation auf isolierten Inselchen vorkommt, könnte zunächst den Eindruck erwecken, sie sei vor der Schlangeninvasion geschützt. Doch diese Hoffnung trügt: Hufeisennattern können schwimmen. Einige Inselpopulationen sind bereits verschwunden.
Ist die Art also dem Aussterben geweiht? Nicht zwangsläufig. Laufende Maßnahmen zur Kontrolle der Schlangenpopulationen sowie Erhaltungszuchtprogramme zum Schutz der Ibiza-Mauereidechsen sind bereits im Gang. Auch der Beitrag in National Geographic trägt dazu bei, die Aufmerksamkeit auf die dringenden Herausforderungen im Artenschutz zu lenken, vor denen diese besondere Art steht.
Der Artikel in The Guardian erschien online am 28. Februar 2026. Der Beitrag in National Geographic wurde am 5. Mai 2026 online veröffentlicht; eine kürzere Fassung erschien zudem in der gedruckten Ausgabe 06/2026, jeweils auf Englisch.


