Wann wird ein Werkzeug Teil eines Individuums?
Ein neuer Fachbeitrag argumentiert, dass große evolutionäre Übergänge nicht nur durch die Verschmelzung bereits existierender Organismen entstehen können. Sie könnten auch dort beginnen, wo Entwicklungslinien aus sich selbst heraus neue Bestandteile hervorbringen.
Auf den Punkt
- Große evolutionäre Übergänge verändern, was in der Evolution als Individuum gilt.
- Paul Rainey beschreibt einen weiteren möglichen Weg: „autogene Übergänge der Individualität“.
- Der Beitrag nutzt übertragbare Krebsarten und Mensch-KI-Systeme, um zu fragen, wann intern entstandene Einheiten Teil neuer evolutionärer Individuen werden könnten.
Die Geschichte des Lebens ist geprägt von Momenten, in denen Einheiten einer niedrigeren Ebene zu Bestandteilen von etwas Neuem wurden. Gene ordneten sich zu Chromosomen, Zellen fügten sich zu vielzelligen Organismen zusammen, und manche Tierarten entwickelten soziale Verbände, in denen einzelne Individuen als Teile eines größeren Ganzen funktionieren. Solche Ereignisse werden als große evolutionäre Übergänge bezeichnet. Sie gehören zu den tiefgreifendsten Veränderungen in der Geschichte des Lebens.
In einem neuen Perspektivenbeitrag in Comptes Rendus Biologies argumentiert Paul Rainey vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön und der ESPCI in Paris, dass solche Übergänge auch auf eine Weise entstehen könnten, die bisher zu wenig beachtet wurde.
Die meisten Erklärungen konzentrieren sich auf Verschmelzungen bereits existierender evolutionärer Einheiten: getrennte Gene, getrennte Zellen oder getrennte Organismen. Rainey lenkt den Blick auf eine andere Möglichkeit. Eine Entwicklungslinie kann aus sich selbst heraus einen neuen Bestandteil hervorbringen, der später in ein Individuum höherer Ordnung integriert wird. Solche Möglichkeiten bezeichnet er als autogene Übergänge der Individualität.
Diese Unterscheidung ist wichtig, weil intern entstandene Neuerungen leicht als bloße Produkte, Werkzeuge oder Nebenfolgen der Systeme verstanden werden, die sie hervorbringen. Unter bestimmten Bedingungen könnten solche Bestandteile jedoch Teil eines neuen Eltern-Nachkommen-Systems werden. Dann würden Variation, Vererbung und unterschiedliche Fortpflanzung nicht mehr nur auf die ursprüngliche Entwicklungslinie wirken, sondern auf die zusammengesetzte Einheit selbst.
Der Beitrag entwickelt diese Idee anhand von Beispielen aus Biologie und Kultur. Viele intern entstandene Neuerungen, darunter Werkzeuge, Sprache oder genetische Innovationen, beeinflussen die Evolution, bleiben aber in bestehende Systeme eingebettet. Übertragbare Krebsarten markieren einen besonders aufschlussreichen Grenzfall. Sie entstehen als Zellen innerhalb eines Organismus, entziehen sich der normalen Kontrolle und bilden eigenständige evolutionäre Linien, die zwischen Wirten übertragen werden können.
Künstliche Intelligenz liefert dafür ein aktuelles und provokantes Gedankenexperiment. KI ist ein von Menschen geschaffenes Werkzeug. Zugleich ist sie zunehmend an menschlichen Entscheidungen, Bildung, Kommunikation und gesellschaftlicher Organisation beteiligt. Rainey fragt, was geschehen müsste, damit Mensch-KI-Systeme über den bloßen Werkzeuggebrauch hinausgehen und zu tiefer integrierten evolutionären Einheiten werden.
Der Beitrag sagt nicht voraus, dass dies tatsächlich geschehen wird. Er nutzt evolutionäre Theorie vielmehr, um zu klären, unter welchen Bedingungen ein solcher Übergang überhaupt erkennbar wäre. Mensch-KI-Systeme müssten variieren, sich reproduzieren und ihre Organisation so weitergeben, dass Selektion auf der Ebene des zusammengesetzten Ganzen wirken kann.
„KI ist nicht nur deshalb interessant, weil sie leistungsfähig ist“, sagt Rainey. „Sie ist interessant, weil sie sich immer stärker mit menschlicher Entwicklung, Entscheidungsfindung und sozialer Organisation verflechtet. Die Evolutionstheorie gibt uns eine Möglichkeit zu fragen, wann etwas ein Werkzeug bleibt, wann es zu einem Partner wird und wann es Teil eines neuen Individuums werden könnte.“
Die Arbeit knüpft an frühere Veröffentlichungen Raineys an: an einen Beitrag in Philosophical Transactions of the Royal Society B aus dem Jahr 2023, der noch vor dem rasanten Aufstieg großer Sprachmodelle erschien, sowie an eine gemeinsame Veröffentlichung mit Michel Hochberg in PNAS im vergangenen Jahr. Das Thema wird zudem bei einem Workshop im November 2026 in Plön diskutiert.
