Pandemie verschob den Rhythmus von Atemwegsinfektionen und Sterblichkeit

Forschende des Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie entwickeln eine Erklärung[AT1] , warum Grippe, RSV und andere Atemwegserkrankungen nach den Pandemiejahren ungewöhnlich früh auftraten. Auch die saisonale Sterblichkeit verschob sich nahezu parallel. Die Ergebnisse haben Konsequenzen für die zeitliche Planung von Impfkampagnen und liefern Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Atemwegsinfektionen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

13. August 2026

Auf den Punkt

  • Saison verschoben: Atemwegsinfektionen erreichten ihren Höhepunkt nach der Pandemie acht bis zwölf Wochen früher.
  • Sterblichkeit folgt dem Muster: Auch die saisonale Herz-Kreislauf-Sterblichkeit verschob sich deutlich nach vorne.
  • Impfzeitpunkt im Blick behalten: Nach einer gestörten Saison können Impfkampagnen früher sinnvoll sein.

Atemwegsinfektionen folgen in Deutschland normalerweise einem erstaunlich stabilen Rhythmus. Vor der COVID-19-Pandemie erreichten Influenza, RSV und andere Atemwegserkrankungen ihren saisonalen Höhepunkt meist im Februar oder März. Während und nach der Pandemie änderte sich dieses Muster deutlich. Michael Sieber und Arne Traulsen vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie haben eine Erklärung dafür gesucht.

Dafür analysierten sie öffentlich verfügbare Daten zu Atemwegsinfektionen, Krankenhausaufnahmen und Sterbefällen in Deutschland und kombinierten diese mit einem epidemiologischen Modell. In den Saisons 2021/22 und 2022/23 lagen Beginn und Höhepunkt der Atemwegssaison acht bis zwölf Wochen früher als in den Jahren vor der Pandemie. RSV trat bereits im September verstärkt auf, schwere Atemwegsinfektionen erreichten 2021 ihren Höhepunkt im November. Die Influenzawelle 2022/23 gipfelte bereits im Dezember.

Die Ursache liegt nach dem Modell nicht in Wetter und Jahreszeit. Entscheidend ist stattdessen, wie viele Menschen zu Beginn einer Saison für einen Erreger empfänglich sind. Während der Kontaktbeschränkungen 2020/21 wurden viele Atemwegserreger stark zurückgedrängt, Influenza und RSV waren nahezu vollständig verschwunden. Dadurch trafen die Erreger bei ihrer Rückkehr auf einen größeren Anteil empfänglicher Menschen und konnten sich erheblich früher in ihrem saisonalen Zeitfenster ausbreiten.

Dabei geht es ausdrücklich nicht um ein individuell „geschwächtes Immunsystem“. Die Studie liefert keinen Beleg für eine sogenannte Immunitätsschuld einzelner Menschen. Beschrieben wird ein Effekt auf Bevölkerungsebene: Wenn eine Infektionswelle ausfällt, verändert sich die Zahl der Menschen, die in der folgenden Saison für einen Erreger empfänglich sind.

Inzwischen bewegen sich Influenza und RSV wieder in Richtung ihres früheren saisonalen Rhythmus. In den Saisons 2023/24 und 2024/25 lagen ihre Infektionsspitzen wieder überwiegend zwischen Ende Januar und März. Die Verschiebung nach der Pandemie war damit offenbar vorübergehend.

Besonders auffällig ist ein zweites wichtiges Ergebnis. Mit den Atemwegsinfektionen verschob sich auch der saisonale Höhepunkt der allgemeinen Sterblichkeit. Vor der Pandemie lag er meist im Februar oder März, während der Pandemiejahre dagegen bereits im Dezember oder frühen Januar. Ein ähnliches Muster zeigt sich bei Todesfällen durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Deren saisonaler Höhepunkt verschob sich nahezu parallel zu den Atemwegsinfektionen um zwei bis drei Monate nach vorne und später wieder zurück.

Diese zeitliche Übereinstimmung unterstützt die Annahme, dass Atemwegsinfektionen das Risiko schwerer kardiovaskulärer Ereignisse beeinflussen können. Sie beweist jedoch keine direkte Ursache-Wirkungs-Beziehung. Die Studie untersucht Daten auf Bevölkerungsebene und kann nicht zeigen, ob bei einzelnen Menschen eine Infektion unmittelbar einem Herzinfarkt oder Schlaganfall vorausging. Dafür wären Studien notwendig, die individuelle Infektionsverläufe und kardiovaskuläre Ereignisse miteinander verknüpfen.

Für die Prävention hat vor allem der veränderte Zeitpunkt der Infektionswellen praktische Bedeutung. Nach einer ungewöhnlich schwachen oder ausgefallenen Saison oder bei einem neuen Erreger kann die nächste Epidemie erheblich früher einsetzen. Impfkampagnen sollten deshalb nicht ausschließlich nach einem festen Kalender geplant werden, sondern die aktuelle epidemiologische Situation berücksichtigen. Die Autoren nennen insbesondere die Influenza-Impfung.

Auch bei COVID-19 zeigen die Daten ein früheres saisonales Muster. In den Saisons 2023/24 und 2024/25 begann die COVID-19-Welle bereits ab Ende August. Eine Impfung erst im späten Herbst könnte deshalb für diesen Erreger vergleichsweise spät erfolgen.

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