Nach mir die Sintflut

Beim Klimagipfel in Kopenhagen ist die Politik gefordert, verbindliche Klimaziele festzulegen. Denn Freiwilligkeit führt beim Klimaschutz nicht zum Ziel, wie ein interaktives Computerspiel veranschaulicht

4. Dezember 2009

Vom 7. bis 18. Dezember tagen Regierungschefs in Kopenhagen, um ein Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokoll zu vereinbaren. Bis 2050 muss die Welt ihren Ausstoß von Treibhausgasen extrem reduzieren, sodass die Erderwärmung nicht über zwei Grad Celsius klettert. Eine Vorgabe - die neben globalen Klimazielen für einzelne Nationen - auch das Engagement jedes Einzelnen erfordert. Doch Eigennutz steht - in der Politik wie im Privaten - im Widerstreit zu nötigen, kollektiven Investitionen. Max-Planck-Forscher haben dieses Dilemma untersucht. Mit klarem Ergebnis: Spiel-Teams erreichten nur dann ein Klimaschutzziel, wenn jeder einzelne überzeugt war, dass ein kollektives Versagen mit hoher Wahrscheinlichkeit auch persönliche Folgen haben würde.
Die Verlustwahrscheinlichkeit macht Druck: Gruppen von Studenten erreichen das kollektive Klimaschutzziel nur, wenn ein Misserfolg einen zu 90% wahrsc Bild vergrößern
Die Verlustwahrscheinlichkeit macht Druck: Gruppen von Studenten erreichen das kollektive Klimaschutzziel nur, wenn ein Misserfolg einen zu 90% wahrscheinlichen Verlust ihres Geldes erwarten lässt (blaue Linie). Selbst dann haben sie dabei noch Probleme: Die Summe an Investitionen erreicht den notwendigen Grenzwert (schwarze Linie) erst in der letzten Runde des Spiels. Beträgt die Verlustwahrscheinlichkeit nur 50% (grüne Linie) oder 10% (rosa Linie), dann entfernen sich die kollektiven Investitionen der Studenten sogar immer mehr vom Grenzwert. [weniger]

Die Wissenschaftler setzten 30 Teams mit jeweils sechs Studenten an ein interaktives Computerspiel (Public Goods Game). Es ging darum, Geld von einem persönlichen Konto (40 Euro) für den Klimaschutz zu spenden. Das gemeinsame Klimaschutzziel war erreicht, wenn eine Gruppe in zehn Spielrunden anonym insgesamt 120 Euro gesammelt hatte. Der Anreiz: Bekam ein Team die notwendige Summe zusammen, erhielt jeder Mitspieler das Restgeld von seinem persönlichen Konto ausgezahlt. Wurde das Spendenziel nicht erreicht, waren das Spiel und damit auch das persönliche Guthaben verloren. "Jeder einzelne kann nun darauf spekulieren, dass die anderen in seiner Gruppe genug investieren", sagt Manfred Milinski, Direktor am Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön. "Er kann sich zurückhalten und hat am Ende mehr Geld auf seinem Konto". Aber dies birgt wiederum das Risiko, dass das kollektive Ziel nicht erreicht wird und der Gewinn somit mit hoher Wahrscheinlichkeit ausbleibt.

Die Forscher simulierten dabei drei Szenarien: ein Verlustwahrscheinlichkeit von 90, 50 und 10 Prozent, das Restgeld nicht ausgezahlt zu bekommen. Im Gegensatz zu einem Verlustrisiko von 50 Prozent oder gar 10 Prozent, wäre es bei hohem Risiko rational, pro Spielrunde ausreichend Geld einzuzahlen. Doch selbst bei 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit, schaffte es nur die Hälfte der Gruppen die vereinbarten 120 Euro. In fast jeder Gruppe gab es einzelne, die ausscherten, und nichts einbezahlen. Die Verluste konnten nur selten von Altruisten kompensiert werden, die mehr als die nötige Summe bereitstellten. Bei 50 Prozent oder gar nur 10 Prozent, , der wohl "gefühlten" Wahrscheinlichkeit, blieben alle Gruppen weit unter ihrem Spendenziel.

Das Resultat stimmt für die Verhandlungen im Kopenhagen wenig optimistisch: "Es wird deutlich, dass man die Menschen und Nationen noch von den zu erwarteten, dramatischen Auswirkungen des Klimawandels überzeugen und vor allem an ihre eigenen Interessen appellieren muss", sagt Jochem Marotzke, Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Nur wenn sie sichere persönliche Nachteile fürchten, engagieren sie sich beim gemeinsamen Klimaschutz. "Größere Gruppen hätten sicher noch mehr Probleme" - vor allem die Milliardenpopulation, die am globalen "Klimaspiel" teilnimmt.

 
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